Das Forschungsprojekt
ist seit Oktober 2006 an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich angesiedelt,
wird von der Kunstwissenschaftlerin Elke Bippus geleitet, und
in künstlerischen Fragen von mir unterstützt. Der Fokus
des Projekts liegt auf den kulturwissenschaftlichen Verfahrensweisen
ähnlichen Methoden der Kunst als Techniken der Wissensbildung
und –strukturierung. Langfristiges Ziel des Projektes ist
es, Kriterien für eine künstlerisch-wissenschaftliche
Praxis zu entwickeln, die sich nicht die Beschränkungen der
klassischen Aufteilung von Theorie und Praxis auferlegt, sondern
erforscht, wie in beiden Feldern und an ihren Grenzen Wissen produziert
wird
Projektbeschreibung
Kunst und Wissenschaft berühren sich auf dem Gebiet des Bildermachens
als Wissensproduktion. Die kulturtheoretische Debatte des so genannten
Pictorial beziehungsweise Iconic Turn hat zu einem Wechsel der
Forschungsgegenstände und –perspektiven geführt.
Unter der semiologisch-strukturalistischen Maxime stand bis in
die 1980er Jahre hinein die Kultur der Zeichen und des Textes
im Mittelpunkt, seither ist an Forschungsprojekten und Publikationen
das erwachte Interesse an der bildlichen und visuellen Kultur
ablesbar.
Die Visualität nimmt in der Geschichte des Denkens und für
unsere Wissenspraktiken eine konstitutive Funktion ein und es
steht außer Frage, dass die Versinnlichung unsichtbarer
Prozesse und theoretischer Gegenstände Wissen hervorbringt.
Allerdings hat die antivisuelle Rhetorik gegen Ende des 18. Jahrhunderts
zu der Vorstellung beigetragen, Aufklärung vollziehe sich
nicht durch Bilder, sondern durch Worte und in einem fortlaufenden
Text, der sich aus isolierbaren Tatsachen zusammensetzt.
Diese im Prinzip bildfeindliche Perspektive scheint sich zu verändern.
Die konstitutive Funktion bildlicher Repräsentation wird
beispielsweise im Kontext neuer bildgebender Verfahren in den
Naturwissenschaften als wissenskonstitutiv diskutiert. Wissenschaftshistoriker/innen
unterstreichen die performative Funktion von Bildern und problematisieren
deren repräsentative Leistung: Wissenschaftliche Bilder sind
Resultate komplexer Transformationsprozesse, in denen technisch
erzeugte Ereignisse wie Messdaten, Aufzeichnungen von Signalen
oder elektromagnetische Wellen in symbolische Darstellungen übersetzt
werden. Ein wissenschaftliches Bild ist ein Modell, das nicht
eindeutig durch das Objekt determiniert ist, das es scheinbar
repräsentiert. Es verweist vielmehr auf einen „inneren
transversalen Referenten“, auf weitere Darstellungen –
Tabellen, Bilder, Kurven. Zudem liegt der darzustellende ‚Gegenstand‘
in vielen Fällen nicht einfach vor. Modelle dienen zur Begreifbarmachung
des Objekts, und modellieren dabei dieses immer schon. Darstellungsmodelle
sind konstitutiv für das, was gewusst werden kann, und sie
sind kulturbildend, wie alle Forschungsprozesse.
Forschen hat mit Ungewissheiten zu tun, mit Suchprozessen und
Kontingenzen, was nicht bedeutet, dass es methodenlos ist. Gegenstand
der Untersuchung „Kunst des Forschens“ sind strukturelle
Merkmale von Bildern und visuellen Darstellungen sowie Methoden
und Techniken künstlerischer Produktion einerseits und die
in der Kunst ausgebildeten Kohärenz und Legitimationsprinzipien
andererseits.
Das Projekt „Kunst des Forschens“ versucht, künstlerische
Verfahren und wissenschaftliche Methoden produktiv zu verklammern,
um eine selbstreflexive Form kultureller Praxis zu etablieren.
Im Zentrum des Projekts stehen ikonische Darstellungstechniken,
die als wissensbildende und –strukturierende Verfahren analysiert
werden, sowie Fragen der Visualisierung, und schließlich
das Verhältnis von Erfahrung und Erkenntnis für die
Konstitution von Wissen und seiner Vermittlung. Es geht aber auch
um die Grenzen des Wissens. Angestrebt wird eine künstlerisch-wissenschaftliche
Forschung, in der experimentelle Verfahren und ikonische Erkenntnismodelle
wirksam sind. Das Interesse an bildkünstlerischen Verfahren
zielt auf zweierlei: zum einen auf die Aspekte, die – gegenüber
den lange Zeit gültigen Maximen sprachlich explizierter Wissensformen
– Praxisformen stärken, welche historisch, kulturell
und geschlechtlich bestimmte Kontexte, Kontingenzen, den Raum,
zeitgeschichtliche Momente und das Subjekt mit einbeziehen. Zum
anderen darauf, Wissen zu einem aktiven Denkprozess werden zu
lassen.
Mit diesen beiden Schwerpunkten geht es um die Aktivierung einer
Wissenskultur, in der Wissen stärker handlungs- und prozessorientiert
erfahrbar wird, und hierarchische Ausdifferenzierungen, wie die
zwischen Theorie und Praxis, aufgebrochen werden können.
Die Wirkung von Kunst verläuft nicht allein in eine Richtung,
sondern birgt das Potential einer Teilhabe und eines Austausches,
sie vollzieht sich in Kategorien des Prozesses. Dazu tragen die
zahlreichen Möglichkeiten von Ordnungs- und Interpretationsschemata
ebenso bei, wie der Bruch mit überkommenen Sichtbarkeitsordnungen.
Eine künstlerisch-wissenschaftliche Forschung verspricht
darüber hinaus ein kritisches ikonisches Modell auszubilden,
das die ikonische Sinnstiftung selbst offen legt. |